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Runder
Tisch in Kassel zum Thema Graffiti
Man sagt oft, daß in kleineren Städten um 20 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt und das Straßenlicht ausgeknipst wird und dort nichts mehr los ist. Am 13.04.00 war was los. Die Tageszeitung HNA, vertreten durch Frau Hetscher, lud zum "Runden Tisch ein. Es erschien der Polizeipräsident, Herr W. Henning, der Bürgermeister, Herrn I. Groß, der gleichzeitig auch die Position des Jugenddezernenten innehat, der Vertreter der Sprayer aus dem Raum Kassel, Herr Boris Bouchon und ich.
Sprayer hatten sich an die Tageszeitung gewandt, weil sie nicht mehr hinnehmen wollten, daß an den legalen Flächen, die ihnen durch den Einsatz des Bürgermeisters zur Verfügung gestellt wurden, erneut observiert wird. Es gab Festnahmen an den legalen Flächen und Hausdurchsuchungen. Das wiederum hatte zur Folge, daß legale Sprayer nicht mehr dort sprühten und das illegale Sprayen in der Stadt zunahm. Es handelte sich um die Flächen Giesenallee, Schenkebier Stanne und in der Goetheanlage.
Boris Bouchon teilte den Anwesenden mit, daß nach früheren Auseinandersetzungen mit dem BGS und durch Observation durch die Landespolizei jetzt, diese Flächen für Sprayer wohl gestorben seien. Auch ich wußte von Hausdurchsuchungen und Festnahmen, weil ich die Klagen der Sprayer auch zu hören bekam.
Es ist für die betreffenden Sprayer kein Trost, daß diese Verfahren gegen sie meist ohne Hauptverhandlung eingestellt wurden, da sie auf den Kosten für ihre Anwälte sitzen blieben.
Im Gespräch kam jedoch heraus, daß die offizielle Freigabe der Fuldabrücke nicht für die Gesamtfläche galt, was die Sprayer jedoch nicht erfuhren und somit in die "Falle" liefen, da die Waldauer Seite der Brücke nur "stillschweigend" geduldet wurde, was im Gegenzug nun wieder die Polizei nicht wußte. Welchen Wert haben stillschweigende Duldungen? Die Sprayer hatten sich darauf verlassen, daß diese Flächen legal seien und waren plötzlich verlassen.
Inzwischen sind jetzt beide Seiten der Brücke durch die Stadt offiziell als legale Flächen ausgewiesen worden und auch die Polizei weiß Bescheid.
Der Polizeipräsident machte keinen Hehl daraus, daß er legale Flächen für überflüssig hält. Er glaubt immer noch daran, daß man versuchen könne, von legalen Schriften auf illegale zu schließen.
Ich teilte ihm mit, daß es nicht funktionieren würde und wenn er mir nicht glaube, möge er sich mit dem BKA, Abt. KT 5, in Verbindung setzen, dort würde er das Gleiche zu hören bekommen.
Anschließend meinte er jedoch, daß er die legalen Flächen akzeptieren würde, aber wenn die Sprayer nur einen Zentimeter über die ausgewiesene Fläche hinaussprühten, würde man Seitens der Polizei sofort eingreifen.
Der Polizeipräsident beklagte, daß manche Sprayer eine Lackspur ihrer "tags" in den Straßen zu den legalen Flächen hinterlassen würden, daher wollte man bei der Polizei in diesen Straßen mit besonderer Wachsamkeit reagieren.
Ich machte nochmals deutlich, daß das Zuordnen von Schriften ohne Zeugen nicht möglich sei, weil wesentliche Kriterien, die erforderlich sind, um einen Schriftzug einer Person zuzuordnen oder diese auszuschließen (beides ist normalerweise durch Schriftgutachten möglich), bei gesprühten Schriftzügen nicht möglich sei.
Da alle Schriftsachverständigen in Deutschland im gleichen Institut ausgebildet wurden, könne es folglich keine abweichenden Ergebnisse geben. Ich habe ebenfalls nochmals darauf hingewiesen, daß man die Lackfarben nicht nach Augenschein nicht zuordnen könne und ihm die Gründe genannt.
Bürgermeister Groß teilte mit, er werde am Konzept der legalen Flächen festhalten und versuchen, diese noch zu erweitern.
Im Haus der Jugend in Kassel ist Frau Göx als Ansprechpartnerin zu erreichen. Sie kann den Weg zu den legalen Flächen beschreiben. Ferner besteht auch die Möglichkeit, im Szeneladen Unity, von Boris Bouchon Auskünfte über legale Flächen erhalten und auch preiswertes Material einzukaufen.
Kasseler Sprayer sind glücklich darüber, daß sie von der Stadt ein beträchtliches Stück Freiraum erhalten haben, der jetzt noch erweitert werden soll. So wurde mit Hilfe der Stadt den Jugendlichen eine Anlage zum Skaten ermöglicht, die von den Jugendlichen mit sehr viel Eigeninitiative gebaut wurde.
Am 30.04.00 werden die Sprayer eine 1. Mai- JAM veranstalten und freuen sich auf Besuch aus anderen Städten. Der Eintritt ist kostenlos. Sie hoffen, daß die Gäste ihre Errungenschaften respektieren und sich in Kassel wohl fühlen.
Gäste, die unbedingt dort eigenen Grenzerfahrungen machen wollen, müssen mit einem Polizeipräsidenten rechnen, der die Sprayflächen mit dem Maßband kontrollieren will und wird.
Mein Dank geht an die Tagespresse, die mit dem "Runden Tisch" für Klarheit gesorgt hat, mein besonderer Dank geht an Boris Bouchon, der seine Privatinteressen zum Wohle vieler Sprayer zurückgestellt hat und an den Bürgermeister Ingo Groß, der seine Funktion als Jugenddezernent wirklich ernst nimmt und mutig für die Jugendlichen eintritt. Mögen sich Großstädte ein Beispiel an der kleinen Stadt Kassel nehmen!
© 2000 Barbara
Uduwerella
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